Buchempfehlung: Procreate

Wollt ihr lernen (besser) mit der iPad-App Procreate zu arbeiten? Dann habe ich vielleicht eine nützliche Buch-Empfehlung für euch.

Im Juni erschien mit »Procreate« ein Handbuch zur Illustrations-App, geschrieben von der Kinderbuch-Illustratorin Meike Teichmann. Ein wirklich gutes Timing für mich, denn ich wollte mich sowieso mal intensiver mit der App beschäftigen. Da ich Meikes Illustrationen und Aktivitäten schon lange schätze, wusste ich, dass dieses Buch etwas taugen muss. Und so ist es auch.

»Procreate« ist ein überaus detailliertes Handbuch, es wird jeder Baustein der App systematisch erklärt. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den umfangreichen Funktionen und Werkzeugen von Procreate und wie man diese möglichst clever benutzt. Zusätzlich gibt es einige Anwendungsbeispiele und zur Vertiefung des Erlernten werden 3 Projekte Schritt für Schritt erklärt.

Auf fast 300 Seiten bekommt man einen tiefen Einblick in die Möglichkeiten der App. Erklärt werden erstmal Basics wie Systemvorraussetzungen, die Galerie und Benutzeroberfläche; dann folgen die Aktionen, individuellen Anpassungen, Auswahlwerkzeuge, Transformationen, das Pinselstudio und andere Werkzeuge; die Arbeit mit Ebenen, mit Farben und mit Text, die Zeichenhilfe, Animationsmöglichkeiten, komfortable Gestensteuerung … und alles gespickt mit konkreten Beispielen, wirklich vielen Screenshots und vor allem Tipps aus der Praxis, die sich nicht nur auf die App selbst beziehen. Der Ton ist locker, Meike duzt ihre Leser, und das Buch wurde zudem exzellent lektoriert.

Funktionen, deren Sinn sich einem vielleicht nicht gleich erschließen, werden durch Einsatz- oder Anwendungsbeispiele greifbar. So kann ich einschätzen, ob z. B. ein bestimmter Filter etwas für meinen eigenen Zeichenstil ist, oder eher etwas für Comiczeichner oder Toaster-Designer :-)

Ich hatte nicht erwartet, dass Meike so sehr ins Detail geht. Es gibt vermutlich keine Funktion oder Einstellung der App-Version 5X, die sie nicht erklärt. Das Ergebnis ist ein solides Nachschlagewerk. Der Workshopteil am Ende ist auch sinnvoll, vor allem, wenn man aufgrund der Fülle an Möglichkeiten zum Ende des Buchs schon vergessen hat, was es alles zu beachten oder auszuprobieren gilt.

Fazit: »Procreate« ist ein absolut empfehlenswertes Buch für alle Anfänger und Fortgeschrittene, die sich intensiv mit der App beschäftigen wollen.

Was ich mir noch gewünscht hätte: ein Kapitel für den Schnelleinstieg – also was brauche ich, wenn ich „einfach nur“ zeichnen möchte. Denn mit so einem Kapitel kommt man schnell rein, die Details kann man sich später noch ansehen. Ich denke, dass es sinnvoll sein kann, wenn richtige Anfänger nicht das gesamte Buch lesen müssen, bis sie starten können. Wobei das auf Digital Natives wohl nicht zutrifft, die legen einfach los.

Die Abbildungen könnten für mich persönlich einen Hauch größer sein, damit die Schrift der App lesbarer ist (einfach 1-2 cm in den breiten äußeren Steg gehen). Meikes Illustrationen sind ansprechend und vielseitig, aber es könnte eine Bereicherung sein, auf ein paar Seiten weitere Künstler erzählen zu lassen, wie sie Procreate einsetzen oder was sie an dem Programm nutzen und schätzen. Auch Werke anderer Künstler wären in dem Zusammenhang aufschlussreich, z. B. von Urban Sketchern, Innenarchitekten, Hobbykünstlern oder Industriedesignern. Damit würde die Bandbreite der Möglichkeiten der App noch deutlicher.
Ich bin neulich in der Bücherei über »Urban Sketching mit dem Tablet« gestolpert und war fasziniert von den gezeigten unterschiedlichen Stilen.

Zur App: Meine Illustrationen entstehen zum Großteil analog und ich digitalisiere sie meist nur zur Weiterbearbeitung. Aber bei Procreate tun sich Möglichkeiten auf, die auch für mich spannend sein können. In wieweit ich nun vom Papier wegkomme, weiß ich noch nicht, denn das allzu leichte Zeichnen von komplexen Dingen schreckt mich erstmal ab. So ähnlich ging es mir Anfang der 1990er Jahre auch mit Photoshop 2.5 und seinen fantastischen Funktionen ;-)

Filter, Effekte und Musterpinsel ermöglichen es etwas zu schaffen, was man auf Papier nicht unbedingt hinbekommen würde. Darin sehen viele sicher nur Vorteile, aber für meinen Geschmack ist etwas weniger des digital gelieferten Perfektionismus doch echter und schöner. Und einen lockeren oder kritzeligen Strich zu faken (oder sogar als Musterpinsel dauerhaft zu kopieren) kommt mir absurd vor. Jaaaa, nennt mich gern oldschool. Bin ich :-)

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1 Antwort
  1. Ania Groß says:

    Ich nutze ProCreate hauptsächlich für Sketchnoting.
    https://twitter.com/SketchnotesAG/status/1364671880632877056/photo/1
    Dafür ist es natürlich vollkommen überdimensioniert. Ich lieb es trotzdem.

    Seine vielen Möglichkeiten nutze ich beim Aktzeichnen.
    Da kann ich leicht Verschiedenenes auf verschiedenen Ebenen ausprobieren.
    https://twitter.com/SketchnotesAG/status/1286551781665837056
    Ich lasse auch oft die ersten Striche stehen, dann ist das Ergebnis digital eigentlich nicht von analogen Arbeiten zu unterscheiden.
    https://twitter.com/SketchnotesAG/status/1299230224371122176
    Das Einzige, das schmerzlich fehlt, ist das Papier. Ich kann zwar Strukturen mit anlegen oder auf Aquarellpapier o. ä. ausdrucken, aber es hat nie die „Wertigkeit“ eines echt analogen Werkes :(

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