Was machst du gerade? (24)

… frage ich die wunderbaren Menschen in meinem Netzwerk.

Heute ist das Conz von Gemmingen – Architekt und Müßiggänger, Zürich

Was machst du gerade?

»Ich bin – unter anderem – Sammler von Verwandten, eine durchaus faszinierende, aber auch mühsame und zeitraubende Aktivität. Natürlich ist jeder von uns letzten Endes mit jedem Anderen auf irgendeine Art und Weise verwandt. Aber ich suche Menschen, bei denen ich diese Verwandtschaft nachweisen kann. Bisher sind weit über hunderttausend Männer und Frauen in meiner Datenbank erfasst, darunter auch so namhafte Personen wie etwa der norwegische Polarforscher und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen, oder der französische Chansonnier Gilbert Bécaud. Diese Unmengen von Daten in eine übersichtliche Form zu bringen, das ist es, was ich gerade mache, wobei mir das Covid-Virus durchaus entgegenkommt, denn ich habe endlich unendlich viel Zeit!«

Warum bist du Architekt und Müßiggänger?

»Als ich vor Jahren meinen erlernten Beruf als Architekt altershalber an den Nagel hängte, beschloss ich, fortan dem Müßiggang zu frönen. Müßiggang ist keinesfalls süßes Nichtstun, und schon gar nicht aller Laster Anfang, im Gegenteil. Müßiggang bedeutet für mich, wachen Auges durch das Dasein zu schlendern, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick nach vorne, nach rechts, nach links, nach oben und nach unten gerichtet, und natürlich gelegentlich auch nach hinten. Müßiggang ist nichts anderes, als die Befriedigung der menschlichsten aller Tugenden: der Neugier. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht unnötiges Ballastwissen in meinem Hirn abspeichere. Google und Wikipedia sind meine ständigen Begleiter.
Für den Müßiggänger ist es nicht von Belang, ob das Ergebnis seines Tuns irgendjemand interessiert. Zwar halte ich gelegentlich Vorträge zu genealogischen Themen, aber das ist dann nicht mehr Müßiggang, sondern harte Arbeit.
Zu den angenehmen Begleiterscheinungen des Ruhestands gehört, dass man Zeit zum Reisen hat, und das führt mich zur nächsten Frage:«

Was bewegt dich?

»Ganz ohne Zweifel sind das die aktuellen Verhältnisse in Myanmar. Gewiss, die Welt brennt an zahlreichen Stellen, warum dann gerade Myanmar?
Meine Frau und ich haben das Land zweimal bereist (2013 und 2017). Dabei haben wir wunderbare Menschen kennengelernt und gute Freundschaften geschlossen. Heute sind wir in grosser Sorge um unsere Freunde, denn in den ersten Wochen nach dem Putsch haben sie sich sehr im Widerstand engagiert, auf der Strasse und in den sozialen Medien. Heute geht das nur noch sehr eingeschränkt, denn auf der Strasse ist es extrem gefährlich geworden, und die mobilen Onlinedienste sind völlig, das Internet weitgehend abgeschaltet. Einer Handvoll News Portalen gelingt es dennoch, täglich aus dem Untergrund heraus Nachrichten und Bilder von dem Schreckensregime in die Welt zu senden.
Nach fünfzig Jahren brutaler Militärdiktatur hatten vor allem die jungen Leute seit 2010 Gelegenheit, sich in Freiheit und Demokratie bescheidene Existenzen aufzubauen. Unsere Freunde – eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern – haben dies im Bereich Tourismus getan. 2020 machte ihnen Corona einen Strich durch die Rechnung, und 2021 hat der Militärputsch alle Hoffnungen und Träume vom Tisch gefegt.
Die westliche Welt nimmt nur am Rande Kenntnis von diesem Drama.
Seit nunmehr drei Monaten gehört es zu meiner täglichen Morgenroutine, via Facebook auf das Land aufmerksam zu machen. Ich will ja die Menschen nicht nerven («Mein Gott, nicht schon wieder Myanmar!»). Deshalb poste ich jeden Tag ein Foto, das die Schönheiten und die Faszination des Landes zeigt. Das sehen sich die Leute gerne an. Und dann dopple ich mit einer der zahllosen täglichen Schreckensmeldungen nach.
Ich weiss, das ist wenig genug, nicht mal ein Tropfen auf den heissen Stein, aber den Freunden in Myanmar zeigt es, dass sie nicht vergessen werden.«

Wo kann ich dich finden?

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