Was machst du gerade? (22)

… frage ich die wunderbaren Menschen in meinem Netzwerk.

Heute ist das Thomas Hoyer – Kalligraf, Aachen

Was machst du gerade?

»Seit 10 Jahren will ich ein Kalligrafie-Lehrbuch über die Ziehfeder schreiben. Weltweit gibt es dazu noch nichts, denn das Werkzeug ist ungewöhnlich und das Thema komplex. Ich habe kürzlich ein Stipendium für dieses Projekt bekommen, was mir endlich die Möglichkeit gibt, konzentriert daran zu arbeiten. – Und ich habe keine Entschuldigung mehr, es vor mir herzuschieben! Ende Juni muss ich einen Rechenschaftsbericht abliefern. Diesen Monat werde ich mich deswegen in ein gewisses Haus am See zurückziehen, um daran zu arbeiten.

Zwei meiner aktuellen Aufträge sind interessant, weil sie – auf unterschiedliche Weise – mit Handschrift zu tun haben. Ein Schriftsteller hat mich engagiert, für seine sechsbändige Reihe historisch-phantastischer Romane für jeden Hauptdarsteller eines Bandes eine eigenen Handschrift zu gestalten, die für Abbildungen handschriftlicher Dokumente im Buch gebraucht wird. Und Ende des Monats bin ich als Handdouble für Moritz Bleibtreu gebucht, in einer Neuverfilmung des Skandals um Kujau und die gefälschten Hitler-Tagebücher. Auch nach über 25 Jahren im Geschäft wird es nicht langweilig!«

Warum bist du Kalligraf?

»Als ich 12 Jahre alt war, entdeckte ich bei einem Besuch ein Buch mit von Hand gestalteten Schriftzügen für Pop- und Rockbands eines britischen Designers. Das war meine Initialzündung. Aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft und ich wusste noch vor dem Abitur, dass ich das zu meinem Beruf machen wollte. In Aachen war das möglich, weil es dort an der Fachhochschule im Fachbereich Design eine Professur für Kalligrafie gab. Das meiste Wissen aber entsteht durch Kurse und Autodidaktik.

ALLES, wie und wofür man Schrift gestalten kann, interessiert mich. Buchstaben sind das Medium, durch das Geist sichtbar gemacht werden kann. Und so, wie Geist mehr ist als bloß reine Information, bietet das händische Gestalten von Schrift die Möglichkeit, mehr Aspekte eines Inhaltes zu transportieren als mit einer Satzschrift. Text ist verschriftete Sprache, und Sprache, wie auch Logik, ist in der linken Hirnhälfte beheimatet. Emotion, Kreativität und alles Nicht-Lineare in der rechten. In der Kalligrafie kann ich beides zusammenführen. Dabei ist egal, ob es für ein Logo ist oder für einen philosophischen Text. Das ist für mich der Reiz an der Arbeit: Um Emotion angereicherte Information in eine ästhetische Form zu bringen.«

Was bewegt dich?

»Erkenntnis. Lebenslanges Lernen und Verstehen; des eigenen Selbst und der Welt, in Details und Zusammenhängen. Um zu wachsen, auch in die Tat: Erkenne und handle danach. Sich engagieren. Für etwas zu sein und nicht bloß dagegen. Dabei Eigenständigkeit bewahren. Den eigenen Weg gehen; höflich, aber unbeirrt.«

Wo kann ich dich finden?

Im Netz (www.callitype.com) und auf der Tanzfläche.

 

 

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