Einzig-art-igkeit

Ich vermisse die Einzigartigkeit.
Als Kind gab es diese ganz besonderen Dinge und Momente. Momente, die du zum ersten Mal in deinem Leben erlebst und die für immer etwas besonderes bleiben. Du möchtest sie wiederholen, aber das geht nicht. Zumindest sind sie nie wieder so besonders.
Dieser eine Nachmittag, an dem du im Spiel versunken warst und das Licht durch die orangefarbenen Vorhänge ins Kinderzimmer fiel. In der Küche hörtest du deine Mama mit Geschirr klappern, das Radio lief und es duftete nach frischen Pfannkuchen. Zeit spielte keine Rolle – pure Geborgenheit.

Oder als du mit den anderen Kindern Schlittschuh gelaufen bist und dir zum ersten Mal die Pirouette gelang. Du warst so stolz! Oder dein erster Film in einem richtigen Kino. Später deine erste LP, dein erstes Konzert, usw.

Diese besonderen Ereignisse werden sicher seltener, aber sie sind noch möglich, wenn ich neugierig bleibe. Zum ersten Mal in eine andere Stadt oder ein unbekanntes Land zu kommen und dort die Touristenpfade zu verlassen, oder zum ersten Mal zusammen mit 120 anderen Menschen Yoga in einem Museum zu praktizieren! Das ist special …

Und dann sind da die Dinge, die vor dem Internet und vor der Globalisierung so besonders waren und die heute jeder überall und jederzeit haben kann.
Mein lettisch-schwedischer Großonkel war Schiffskoch. Er reiste in den 1970ern monatelang an Bord großer Schiffe um die Welt. In den Hafenstädten kaufte er gern Geschenke für Familie und Freunde. Viele Dinge – es schien ihm richtig Spaß zu machen alle zu beschenken. Ich bekam Lederschmuck aus Amerika und Seidentücher aus dem fernen Asien. Eine chinesische Spieluhr mit einer Tänzerin im Kimono war das Highlight meiner Kindheit. Sie war mein ganz besonderer Schatz. Niemand, den ich kannte hatte so etwas schönes.

Kommt euch das bekannt vor?

Als ich Anfang der 1990er durch Mexiko, Neuseeland und Australien reiste, oder Hongkong, San Francisco und New York besuchte, da hatte ich auch noch diese Erlebnisse. New York! Ich kannte es aus Filmen und ich war so beeindruckt, mich nun 6 Wochen in dieser Kulisse zu bewegen, dass ich vor Spannung kaum noch Luft bekam.

In Neuseeland konnte ich Maorischmuck kaufen, der mich seitdem immer an diese besondere Reise erinnert. Und wenn ich in Hamburg jemanden traf, der auch so einen geschnitzten Knochenanhänger trug, dann wusste ich, dass er/sie auch in Neuseeland war, und das verband uns ein klein wenig. Die Chinatowns der Metropolen waren extrem faszinierend. Ich brachte stapelweise hauchzarte Papiere, lackierte Essstäbchen und Teeschalen mit nach Hause. Sowas gab es ja kaum in Hamburg.

Als Kreative suche ich heute auch das EinzigARTige: Ich töpfere Gefäße, die Unikate sind, weil sie etwas schief sind und die Glasur nicht industriell perfekt ist. Meine Kalligrafie ist definitiv einzigartig.

Beim Zeichnen und Aquarellieren gefällt es mir, wenn die Farben die Flächen nicht ausfüllen, sondern mit ihnen spielen. Das ist leicht und frei und eben einzigartig. Alles andere kann der Computer erledigen, dem ist das egal.
Beim Buchbinden reiße ich Papiere, anstatt sie perfekt zuzuschneiden. Diese zwar geraden, aber ausgefransten Kanten sind reizvoll. Gerade schnitze ich kleine Stempel, die viel schöner sind, als gekaufte von der Stange. Weil es sie nur einmal genau so gibt.


Arbeiten mit Naturmaterialien, Leder, handgeschöpften Papieren, Fasern, Federn, Pflanzenteilen, rostigen Funden … sehr inspirierend, weil diese Dinge nie gleich sind.
Ansonsten neige ich ja eher zum Perfektionismus, ich will alles möglichst gut machen. Dabei liegt doch der Reiz gerade im Unperfekten.

Ich wünsche mir, dass ich das auch noch auf anderen Ebenen mehr in mein Leben holen kann. Und ich wünsche mir, dass es mehr Momente zum Staunen über das Besondere gibt.

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Happy Moin!

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4 Antworten
  1. Heidi says:

    Liebe Katja!
    Danke für den tollen Text.
    Ich finde es gerade in der jetzigen Zeit so wichtig, (wieder) den Blick für die Einzigartigkeit, das Besondere zu schärfen.
    Und ja – Perfektionismus schön und gut – durch etwas mehr Gelassenheit dem Unperfekten seine Einzigartigkeit zu schenken!!
    Danke fürs Erinnern ❤️

    Antworten
  2. Katja Frauenkron says:

    Ich danke dir für deinen Kommentar, liebe Heidi.
    Ja, gerade jetzt sollten wir genau hinsehen und wertschätzen, was da alles in uns und um uns ist. Perfekt ist schnell langweilig und austauschbar :-)

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  3. Evelyn Kuttig says:

    Liebe Katja,

    empfindsam, so beschreibst Du zum Mitfühlen das, was auch ich gerne um mich herum bewahre. Ich schaue mancher einzigartigen „Eroberung“ schon viele Jahre bis Jahrzehnte beim Verfall zu, sei es nun ein Druckwerk oder ein Muschelbild oder oder oder. Die dabei sichtbar werdende unvollkommene Ästhetik fasziniert mich ebenfalls.

    Liebe Grüße aus Lüneburg, Evelyn

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    • Katja Frauenkron says:

      Liebe Evelyn;
      meine Lieblingstasse ist ein missglückter Töpferversuch. Normalerweise hätte ich den Ton wieder zermatscht, ich hatte einfach nicht zentral auf der Töpferscheibe gearbeitet, so sind die Wände unterschiedlich dick. Dann hab ich sie aber auch noch halbherzig glasiert und ich liebe sie und benutze sie oft. Die Glasur hat kleine Cracks in die nach und nach immer mehr Patina von Tee oder Kaffee eindringt. Sie ist so besonders für mich, gerade weil sie unvollkommen ist. Sie ist einzigartig :-)
      Sonnige Grüße
      Katja

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