4 Tage mit Peter Thornton

Gerade hatte ich wieder das Vergnügen einen Workshop bei Peter Thornton zu besuchen. Es war mein 3. Workshop bei ihm und es wird sicher nicht der letzte sein. 2011 begann meine persönliche „Kalligrafie-Biografie“ als ich 3 Wochen lang von Peter in der Sommerakademie Pentiment lernen durfte. Es war der perfekte Einstieg für mich. Dazu gibt es auch Artikel im Blog.

Aber ist es nicht langweilig oder sogar überflüssig beim gleichen Lehrer immer ähnliche Sachen zu lernen?

NEIN.
Das liegt für mich daran, dass ich selbst bei jedem Kurs an einem anderen Punkt stehe und offen bin für andere Inhalte.
Es liegt daran, dass ein guter Lehrer jeden Schüler da abholt, wo er aktuell steht.
Es liegt daran, dass immer andere Leute in den Kursen sind und man so viel voneinander lernen kann.
Und bei Kursen von Peter kommt dann noch dazu, dass sein Humor umwerfend ist, er so ein sympathischer, charismatischer Typ ist, er jedem unendlich viel beibringen kann und die tollsten Tipps und Tricks so ganz nebenbei aus der Schublade holt.
Darüberhinaus kann man trotz des großen Inputs in einen wunderbaren Flow geraten, der auch nach Kursende nicht aufhört. Kalligrafie mit Peter Thornton macht süchtig.

Was mir auch immer wieder bei diesen Kursen auffällt: Ich lerne genauer hinzusehen und mit mehr Bedacht zu arbeiten. In meinen Strich kommt viel mehr Gefühl – und das ist so wichtig!

Workshop Teil A

In den ersten beiden Kurstagen haben wir uns mit dem Zeichnen von Versalien beschäftigt. Es wurde primär mit einem sehr spitzen Bleistift (2B-4B) gearbeitet und darauf geachtet einen schönen Strich zu erzielen.

Eine große Rolle beim Buchstaben-Zeichnen spielen u. a.:
– eine Variation der Druckstärke (pressure & release)
– dezente Bögen in den eigentlich geraden Linien (secret curve)
– eine gute Balance der Proportionen
– eine klare Absicht (clarify your intention)
– langsames, konzentriertes Arbeiten
– Genuss, ob beim Zeichnen oder Betrachten (pleasure)

Wir haben uns an die Form aller 26 Buchstaben herangetastet. Dabei geht man immer gruppenweise vor: zuerst die Geraden (I, J, L, E, F, T, H), dann die Runden (B, C, D, G, O, P, Q, R, S, U) und die Kursiven (A, K, M, N, V, W, X, Y, Z). Sobald ein paar Buchstaben gut funktionieren, werden Wörter geschrieben, um das Kerning zu üben.

Als wir dann die saubere Grundform verinnerlicht hatten, kamen wir zu den Variationen. Was kann man weglassen oder hinzufügen? Welche Linien können verschoben werden und einen interessanteren Effekt zu erzielen? Das war ein sehr freier, spielerischer Prozess.

Wir haben nun auch mit Mustern und Aquarellfarben in den Buchstaben gearbeitet. Es fiel mir schwer aufzuhören, wie man hier sehen kann :-)

Workshop Teil B

In den beiden folgenden Kurstagen haben wir uns an Buchstaben im Stil des Künstlers und Schriftgestalters Adolf Bernd (1909–1994) herangetastet.

Wir haben uns zuerst mit Farbtheorie beschäfigt, mit Harmonie und Kontrast, warmen und kalten Farben und sehr subtilen Tönen, bis fast kein Pigment mehr auf dem Papier zu sehen war. Es gab viele schöne Übungen, damit die, die sich schon gut mit Farben und Aquarell auskennen und die, die darin noch unerfahrener waren auf einen ähnlichen Stand kamen. An Material brauchten wir: Aquarellpapier, Aquarellfarben (Tuben und Näpfe), Mischpaletten und Pinsel 2, 4, 6. Neutraltinte und Grautöne spielten eine Hauptrolle.

Wir hatten Glück, dass zeitgleich in der ag galerie eine Ausstellung mit den Originalen von Adolf Bernd hing. So konnten wir uns die Bilder genau ansehen und Details seiner Muster und Farben als Anregung für unsere Arbeit nehmen.
Die weißen Linien, die er zwischen den Farbflächen stehen lässt bringt die Töne zum Leuchten. Die Linien werden nicht mit Maskierflüssigkeit oder weißer Farbe gezogen, man lässt an der Stelle wirklich das Papier weiß. Dafür sind eine ruhige Hand und eine gute Pinselspitze sehr wichtig – und in meinem Fall inzwischen zusätzlich eine Lesebrille.

Nach den Übungen haben wir dann einzelne Versalien im Bernd-Stil ausgearbeitet. Das macht so viel Spaß, dass ich in den folgenden Wochen fast täglich etwas in der Art gemacht habe. Später dann auch hier im Blog zu sehen.

In 2 Jahren gibt Peter Thornton wahrscheinlich wieder Kurse in Deutschland. Ich freu mich schon!

Noch etwas Input zum Thema Kalligrafie von Peter Thornton:

In der Schriftkunst geht es nicht primär um Lesbarkeit. An 1. Stelle steht Schönheit, an 2. Stelle sollte ein Werk visuell interessant sein und erst an 3. Stelle kommt die Lesbarbeit.

– Aufbau (structure)
– Schärfe bzw. Qualität von Tinte, Feder und Papier (sharpness)
– Eignung (suitability)
– Spontanität
sind die Faktoren, die die Qualität einer kalligrafischen Arbeit deutlich beeinflussen.

2 Antworten
  1. Ania says:

    Das ist ja traumschön. Besonders dein Bogen voller „I“s gefällt mir. Und ein bisschen was hab ich vielleicht schon beim Lesen deines Beitrags gelernt (secret curve …)

    Antworten

Einen Kommentar schreiben


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.